Anna Catharina Gebbers, 2008
Translation by Anna Stüler

Invictis Victi Victuri

Zeigefinger und Mittelfinger zeigen senkrecht, zueinander parallel verlaufend nach Oben: Daumen und Ringfinger, eventuell auch der kleine Finger berühren sich: Die Handfläche ist dem Körper ab-, der Handrücken dem Körper zugewandt: Die Geste des  Schwörens  ist eindeutig. Werden nun Zeigefinger und Mittelfinger auseinander gespreizt und damit zu einem “V“ geformt, wird daraus die sogenannte Victory-Geste. die Geste für den Sieg.

Olivia Berckemeyer ist an diesen minimalen Verschiebungen interessiert. Die wie hier einen ethnisch-performativen Akt in eine Machtgeste und schliesslich in eine Attitüde kippen lassen. Bereits in Ihren frühen Arbeiten zeigt sie die Brüchigkeit machtvoller meist männlicher Inszenierungen auch in der Kunstgeschichte. In dem sie Ihre Symbole aus Glitter, Wachs und Schnapsflaschen als “Bouteilles-En-Valise“ nachstellt.  Nun hat Berckemeyer eine Vielzahl von Gesten angesammelt-meist handelt es sich um Überlegenheitsgesten, die zu Posen erstarrt ihre eigene Symbolik verstärken oder gar pathetisch erhöhen. Berckemeyer formt sie aus gehärtetem Wachs mit fliessend- tropfenden, stumpfen und daher weich wirkenden Oberflächen. Theatralisch mit verschiedenen Requisiten und Kulissen Bzw. verkleideten Sockeln inszeniert, lässt die Künstlerin sie zwischen Kitsch und Bedrohung changieren und spielt ihre Grammatik durch.

Räumlich und visuell zugleich weisen Gesten eine spezifische Medialität auf, durch die sie  besonders geeignet sind. Handlungen dar zu stellen. `Lessing` thematisiert  dies in seinem “Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. 1766). Und sein Versuch die grundlegenden künstlerischen Unterschiede zwischen Bildender Kunst und Literatur herauszuarbeiten. Initiiert die bis heute virulente “Laokoon-Debatte“ um die in der Zeit aufeinander folgenden und im Raum angeordneten Zeichen zeitlich-sukzessive Handlungen und räumlich simultane Körper treffen vor allem im Theater als grätsche Hervorhebung zusammen: Im Tableau Vivant ,das die zu posen erstarrten Gesten auf Gemälden in lebende  Bilder mit atmenden Darstellern überträgt, verschmelzen Theatern und Bildende Kunst schliesslich vollständig. Ein allzu pathetischer Ausdruck kippt in einem Tableau Vivant allerdings schnell ins komische und in die entleerte Pose. Nicht umsonst inszenierte Goethe  als flammender Diskutant von Lessings `Fruchtbaren Augenblick in seiner Weimarer Zeit so leidenschaftlich Tableaux Vivants. Von der Attitüde –  zunächst ein Terminus der Zeichenkunst, dann die Bezeichnung für Solodarstellung als lebendes Bild – sagte Goethe im Anschluss an Diderot: „Überhaupt bedeutet Attitüde in der französischen akademischen Kunstsprache, eine Stellung, die eine Handlung oder eine Gesinnung ausdrückt und insofern bedeutend ist. Weil nun aber die Stellungen akademischer Modelle dieses was von ihnen gefordert wird, nicht leisten, sondern nach der Natur der Aufgaben und Umstände, gewöhnlich anmasslich leer, übertrieben, unzulänglich bleiben müssen, so gebraucht Diderot das Wort Attitüde hier im missbilligenden Sinne, den wir auf kein deutsches Wort übertragen können. Wir müssten denn etwa akademische Stellung  sagen wollen, wobei wir aber um nicht gebessert wären,“ (Johann Wolfgang von Goethe „Diderot’s Versuch über die Mahlerey“, Goethes Werke. Stuttgart: Cotta 1830 Bd. 36 S.245)

Konsequent setzt Berckemeyer zu Posen erstarrte Gesten als akademische Stellung auf den Sockel und zeigt in ihrer Pinakothek der Moderne die geballte 1968er Faust auf einen Sockel mit amerikanischer Flagge neben zwei Hippies auf einem Sockel mit Sarong. Zeus geballte Faust mit Blitz kommt hier auf einem mit Michael Jackson-Teppich bekleideten Sockel zu stehen, die von einer Hand mit messer auf einen Palästinenserschal getrennt wird durch eine Snoop Dogg-Figur mit doppelköpfigen Höllenhund. Snoop setzt seinen Fuss auf eine Bundesfahne, von der gerade noch Schwingen, Krallen und flammenzungiger Kopf eines Greifs zu sehen sind. In Mitten dieser testosteron-dampfenden Symbolik wird die schützend Hand Gottes auf einem polnischen Bauerntuch zur KingKong Pranke. Dahinter reckt sich die braune Hand auf der Fahne deines Polizei-Schützenvereins zum Victory-Zeichen in die Höhe. Religiös konnotierte Figuren wie die christlichen Reiter der Apokalypse und dem muslimischer Glaubenskrieger mit erhobenen Schwert reiten gemeinsam in die Schlacht der Machtposen.

Mit ihren Star-Porträts auf Nessel oder Papier  zeigt Berckemeyer, dass Gesten und Posen in der visuell codierten Medienwelt bei der Selbst-Darstellung einer Person  die Sprache  übertönen und ersetzen. Die klassische Rhetorik benennt als die drei Überzeugungsmittel in der Rede Ethos, Logos und Pathos. Ethos bezieht seine Überzeugungskraft aus der Integrität des Speichers. Logos aus der argumentativen Kraft und Pathos schliesslich, der erhabene Stil, wirkt emotional appellierend auf das Publikum ein. in der Syntaktik  der Medienbilder führen emotionale Symbolik und konsequentes posieren zur Durchsetzung eines  Bildes , dass über alle Worte erhaben ist. Gesten und Posen sind jedoch leere variable in der Syntaktik der Medienbilder. Leicht wird aus Pathos Pathetik und Leidenschaft  wird zur Geste, Pose,Phrase, Patmosformeln und Starallüren der  Medienprominenz hat Berckemeyer mit ihren Porträts eingefangen. 

Die von Medien produzierten Stars sind keine Helden von Heute: Sie siegen, stürzen und erheben sich wieder. Berckemeyer variiert mit ihren Bildern und Skulpturen dies Spiel.  Dass die siegreiche Paris Hiltons und Britney Spears  dieser Welt irgendwann stürzen, vielleicht in anderer Gestalt und unter einem anderen Namen, jedoch mit den gleichen posen wieder auferstehen werden, weiss Olivia berckemeyer und benennt die Pathosformel, die dir drei Zeitekstasen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft aufs engste zusammenfügt: Den Unbesiegten, die Besiegten, die wieder Siegen werden – INVICTIS VICTI VICTURI – , oder den Nicht-Betrunkenen die Betrunkenen, die weiter Trinken werden  oder so ähnlich.

The index and middle finger are raised, pointing upwards in unison; the thumb and ring finger and perhaps even the little finger are gathered to­gether inside the palm; the palm faces outwards, the back of the hand faces the body: this two fingered gesture of oath swearing is universal. However, if the index finger and middle finger are parted to form a “V”, it becomes a v-sign, a gesture of victory. If the direction of the hand is changed, so that the palm faces inwards and the back of the hand faces away from the body.

Olivia Berckemeyer is interested in these minimal shifts that turn an ethical performative act into a gesture of power. Her ear­lier works already reveal the delicacy of powerful representations, usually male and often from art history, by re-enacting her symbols in paper, sugar, fluffy carpet and bottles of spirits, for example as a bar or as “bouteilles en valise”. Now Berckemeyer has collected an array of gestures – most of them gestures of superiority, frozen in poses, which amplify their symbolism or historionically heighten them. Berckemeyer forms them from hardened wax with dripping, dropping, matt and therefore seemingly soft surfaces. Staged the­atrically with various props and settings, or mounted on plinths, the artist allows them to oscillate between being kitschy and threatening, reciting all inflections of their grammar.

Both spatially and visually, gestures offer a specific mediality that makes them particularly suitable for depicting actions. In his 1766 essay, Laokoon: An Essay on the Limits of Painting and Poetry, Gottfried Ephraim Lessing investigates and compares the fundamental artistic differences between painting and poetry, which initiated the still virulent “Laokoon debate” about temporally sequential and spatially arranged signs. Temporally sequential action and spatially coexisting corporeality is above all encountered in the theatre as gestural enactment. In tableaux vivants gestures frozen in paintings are turned into living pictures with moving actors, completely melding theatre and fine art. However, in the context of a tableau vivant an all too dramatic pose easily seems absurd and becomes an empty gesture. It’s no surprise that Goethe, who was an ardent debater of Lessing’s “fruitful moment”, passionately staged tableaux vivants during his time in Weimar. In relation to attitude – first a term from the art of drawing, then the term for the solo portrayal as a living picture – Goethe followed Diderot in saying: “In the context of French, academic language, ‘attitude’ refers to a stance which expresses action or sentiments and is meaningful in this sense. However, because the stances of academic models do not achieve what is expected of them, but by nature of their role and circumstances generally remain unduly empty, exaggerated and inadequate, Diderot uses the word ‘attitude’ in a derogative sense, for which there is no equivalent German term.” (Translation by Anna Stüler of Johann Wolfgang von Goethe, “Diderot’s Versuch über die Mahlerey” in Goethes Werke, Stuttgart: Cotta, 1830, Vol. 36, p. 245)

Consequentially, Berckemeyer sets these paralysed gestures as academic poses on plinths. In her Pinakothek der Moderne the clenched fist of the 1968 revolution is set on a plinth draped in the American flag next to two hippies on a plinth draped in a sarong. Zeus’ clenched lightening fist graces a plinth covered in a Michael Jackson carpet, which is being attacked by the knife in the hand stretching up from a Palestinian keffiye scarf. A Snoop Dogg figure with a double-headed hellhound stands between them. Snoop is placed on a plinth covered in a German national state flag, of which only wings, claws and a flame-tongued griffin’s head are visible. In the midst of all this testosterone fuming symbolism, God’s protecting hand becomes King Kong’s paw resting on a Polish peasants scarf. Behind this a brown hand stretches up from a police rifle association flag to form a V-sign. Religiously connotated figures, like the Christian Horsemen of the Apocalypse and sword-bearing Muslim religious warriors, ride into the battle of powerful poses together.

In her star portraits on linen and paper Berckemeyer shows how gestures and poses drown and replace language in people’s (self-) presentation in the visually coded world of media. Classic rhetoric establishes ethos, logos and pathos as the three modes of persuasion in speech. Ethos derives its power of persuasion from the speaker’s integrity, logos from the power of reasoning and finally pathos, the sublime style, appeals to the audience emotionally. In the syntactics of images in the media, emotional symbolism and systematic posing asserts an image to a status that is above and beyond words. Gestures and poses are however empty variables in the syntactics of images in the me­dia. Pathos easily becomes pathetic and passion becomes a pure gesture, pose or blurb. In her portraits Berckemeyer has captured the stars’ formulas of pathos, their airs and graces. She depicts them in chalk in pastel colours, and – similarly consistently – uses wine or beer as a fixative.

Stars produced by the media are our contemporary heroes: they rise to success, they fall and get up again. Berckemeyer’s paintings, drawings and sculptures offer variations of this game. Olivia Berckemeyer knows that the victorious Paris Hiltons and Britney Spears of this world will fall at some point, and then however, perhaps in a new guise and under another name, resurge once again. She knows and puts her finger on the formula of pathos, which closely unites the three ecstasies of time, the past, the present and the future: the unvanquished with the vanquished, who will in turn triumph – Invictis Victi Victuri –, or the non-drunks with the drunks, who will continue to drink, or something along those lines.