Veit Loers, 2009
Translation by Anna Stühler

Glitter und Morast

Eine künstlerische Schlittenfahrt durch das Clair-obscur

Glitter, Glitzerbilder und Katzensilber gehören in die Kategorie der populären Illuminationen. Was blinkt, das blickt. Der Reflex braucht eine Lichtquelle, um seine Reize entfalten zu können. Glühwürmchen gehen mit ihrer Bioluminiszenz auf Paarung aus und die Leuchtwerbung auf Kundenfang. Der Flitter, den man in Form von kleinen Pailletten aus Metall schlug – Blättchen mit einem Loch in der Mitte – benutzte man früher für Hochzeitshauben. Daher kommen die Flitterwochen. Aber auch zur Auszierung von Reliquien und Klosterarbeiten, kleinen Täfelchen mit Schriften und Devotionalem , das in Klöstern angefertigt wurde. Die Stadt des Flitters ist Nürnberg, die Heimatstadt Olivia Berckemeyer`s. Dort spezialisierten sich Legionen von Handwerkern auf diesen einträglichen Dekorationskram, der im zwanzigsten Jahrhundert aus Kunststoff imitiert wurde und vor allem der Körperillumination vor allem des weiblichen Körpers im Show-Geschäft die Dekorelement einzusetzen, versilberten und verchromten die Autohersteller ihre Luxuskarossen seit den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis heute. Die Versilberung und Vergoldung war in den Jahrhunderten zuvor auf Paläste und Kirchen beschränkt, aber schon Jahr-hunderte und Jahrtausende zuvor waren blinkende Helme und Rüstungen das Wahrzeichen der Heerführer. Cäsar ehrte Kleopatra in Rom mit einer vergoldeten Skulptur.

Aber wo Licht ist, da ist auch Schatten, oder: Licht gewinnt durch Schatten erst sein Leben. In der Kunst haben diesen Luminarismus nach Caravaggio, Rembrandt, Vermeer viele Genremaler des neunzehnten Jahrhunderts herausgearbeitet, ohne Erfolg. Denn die Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts ging dem Helldunkel , dem sog. Clair-obscur, aus dem Weg , weil dieses automatisch einen Illusionismus erzeugt, den man nicht wollte, bis hin zur Pop Art, die es glänzen und strahlen ließ, ohne dass man nach dunkler Staffage verlangte. Ganz anders der Film, der bis heute sein Geheimnis und seine Spannung aus dem Helldunkel bezieht und damit leichter auf Mythen und Genres zurückgreifen kann.

Olivia Berckemeyer ließ sich von der Welt des Genres inspirieren und ist deshalb der Welt des Films näher als jener der Moderne des schattenlosen Peter Schlehmil. Zur Welt des Glitzers setzte sie das archaische Tröpfeln von Wachs in der Form von Reitern (Vier apokalyptische Reiter, Husaren, Dragoner). Dabei hat man nicht nur die tropfenden Kerzenstöcke gotischer Kathedralen vor Augen, sondern auch die Kerzentropfsentimentalität von verräucherten Kneipen der siebziger Jahre oder die Gebilde aus Tropfstein, die man in den entsprechenden Höhlen bewundern kann mitsamt der verballhornenden Namensgebung durch Touristenführer. Der wächserne Spuk, zum Teil auch in schwarzem und rotem Wachs , transmutierte bald in Bronze. Berckemeyer hat dem dunkel-dumpfen Glanz des Genres ‚Brozestatuette‘ von Grossvaters Schreibtisch durch Polieren einen Glanz hinzugefügt, der die Reiterfiguren als Erscheinungen aufblitzen lässt. E.T.A. Hofmann und Gogol stehen Pate, aber auch Horrorfilme wie „Die Nacht der reitenden Leichen „(Armando de Osorio 1971) und „Armee der Finsternis „(Sam Raimi, 1993). Olivia Berckemeyer lässt sogar den Bamberger Reiter und einen lädierten Lenin als Reiterfiguren antreten. Zum makabren Reiter gesellt sich das makabre Segelschiff, auch dieses einst in oder ohne Flasche, in Holz oder Bronze am Kaminsims. Dass es schon von den Segeln tropft, das sieht nach „Fliegendem Holländer“ oder „Fluch der Karibik“ aus. Die Idee des Dunklen, Geheimnisvollen, Morbiden wird nur dadurch sichtbar, dass dieses in die Welt des Lichts eintritt, nicht nur ins Licht der plötzlich aus den Wolken hervor-kommenden gleißenden Sonne, sondern ins unbarmherzige und permanente Licht der Kunstgalerie. Und weil das Neonlicht gnadenlos die Geheimnisse des Lebens und der Kunst ausleuchtet, hat die Künstlerin noch ein Motiv hinzugefügt, das aus der Welt des ganz und gar Dunklen stammt: das U-Boot. Natürlich gibt es auch zu diesem Thema amerikanische B-Filme: Submerged – Gefangen in eisigen Tiefen(2001) Below – da unten hört dich niemand schreien (2002). Die Schiffe sind mittels zweier Pfeiler auf einen Sockel montiert, als seien sie gerade aus den geheimnisvollen Tiefen des Ozeans geborgen worden, der Schlamm tropft, und man weiß instinktiv: diese Schiffe sind aus dem Zweiten Weltkrieg und lagen bis jetzt in der „eisigen Tiefe“.

Olivia Berckemeyer setzt das Mittel der mythischen Zeit ein (wozu in der Rezeption auch der Zweite Weltkrieg gehört), um das Genre der Kleinskulptur neu auf den Sockel zu bringen. Da ist dann der permanente Kunstdruck des Ready-Made kaum zu spüren, sondern Prozesse romantischer Jugenderinnerung werden aus dem Unterbewusstsein in die Kunstgegenwart zurückbeordert, wo ihre abschmelzende Erinnerung unter dem kalten Licht zu erstarren scheint. Der rational erlebbaren Verniedlichung antwortet auf emotionaler Seite eine dumpfe Drohung. Man kann diese dunkle Seite, den Schock von Fantasy und Mythos, nicht aus der Glitzerwelt der Pop-Nostalgie eliminieren. Denn er kann erst in ihr sichtbar werden.

Ein anderes Beispiel zeigt sehr wohl, dass es nicht um Ready-Made und Animation geht, sondern dass die Ursachen tiefer liegen. Es ist die Ambiguität zwischen Maschine und Lebewesen, artifizieller Künstlichkeit und Spontaneität der mimetischen Fähigkeiten.. Die Schwadron der Kampfbomber, die zum formierten Sturzflug ansetzt ist wie ein Schwarm von Vögeln. Und die Arbeit heißt auch „Zehn Vögel von oben“ . „Schwärme- Kollektive ohne Zentrum“ nennen E.Horn und M.Gisi ihr neu herausgegebenes Buch.

Olivia Berckemeyers Skulpturen erscheinen wie fremdgesteuerte Wesen, die von geheimen Mächten angetrieben werden, die nicht auszumachen sind. Das kapitalste Stück dieser Art ist die Skulptur „Ludwig“. Der einsame melancholische Bayernkönig sitzt kutschierend auf seinem Prunkschlitten, der von einem Pferde gezogen wird. Es könnte auch Nietzsche, Orson Welles oder Iwan Rebroff sein. Vorlage ist das bekannte Bild von R.Wenig von 1885, wo Ludwig II. allerdings in einem pompösen Vierspänner-Schlitten mit Vorreiter sitzt. Das erste Gefährt mit elektrischem Licht, wie man weiß. Die legendären Schlittenfahrten zwischen den neuerbauten nahegelegenen Königsschlössern Neuschwanstein und Linderhof fanden Nächtens statt. Düsternis und Einsamkeit sind demnach die psychologischen Momente der Statuette. Das Gesicht ist mittels Legierung fahl herausgearbeitet. Er ist einer wie Alighieri Dante, der durch das Inferno zieht oder Wotan auf der Wilden Jagd. Fast apathisch verbleibt er im Morast des Hades und bedarf nicht irgendeiner Erlösung.

Glitter and Morass

An artistic sleigh-ride through the chiaroscuro

Glitter, sparkling applications and shimmering mica belong to the category of popular illumination. If it twinkles, it reveals. To unfurl their allure, the reflecting particles need a light source. Fireflies attract mates with their bioluminescence and flashing neon signs attract customers. Traditionally, flitter adorned wedding caps in form of little disk-shaped metal sequins. This is why the Germans call a honeymoon Flitterwochen (flitter weeks). Glittering elements were also made in convents as decoration for relics and amulets, little text tablets and devotional objects. Olivia Berckemeyers hometown Nuremberg is the German city of “flitter”. Legions of craftsmen specialised in the lucrative business of crafting shiny decoration. In the 20th century, plastic replaced shiny metal and glitter was used to provide the body with illumination, especially the bodies of show girls’ on stage. Ever since electroplating enabled the application of chrome as decoration in the 1920s, car manufacturers have been coating the bodies of their luxury cars in silver and chrome plate. In the preceding centuries silver and gold plating was reserved for palaces and churches, however centuries and millennia before, gleaming helmets and armour were the insignia of military leaders. Caesar honoured Cleopatra with a gold-plated sculpture in Rome.

But where there is light, there must be shadow, or: light comes to life in the face of shadow. Numerous genre painters of the 19th century adopted the style of dramatic illumination brought to life by Caravaggio, Rembrandt, Vermeer – however, without success. The 20th century Avantgarde avoided the contrast of light and darkness, the  so called “chairoscuro”, because it automatically produced unwanted illusionism. This trend lasted all the way through to Pop Art, where everything shone and sparkled, without any need for dark accessories. Quite the contrary in film, where the contrast of light and shade invokes mystery and suspense and myths and genres are close at hand.

Olivia Berckemeyer allowed herself to be inspired by the world of genres and that is why herworld is more closely related to the world of film than to the shadowless modern world of Peter Schlemiel. She adds archaic droplets of wax to the world of glitter, in form of horsemen (four apocalyptic horsemen, hussars, dragoons). This not only calls dripping candlesticks in Gothic cathedrals to mind, but also recalls 1970s drip candles in dreamy, smoke-filled bars or the dripstone formations one can admire in caves with bizarre names. The wax epiphany, in parts in black and red wax, soon transmuted to bronze. Berckemeyer has given the dark and drab lustre of the genre “bronze statuette on grandfather`s desk a shine, and the horsemen appear like a revelation. E.T.A. Hofmann and Gogol  stand  as inspiration, as  well  as horror  films like “Tombs of the Blind Dead” (Armando de Ossorio,1971) and “Army of Darkness” (Sam Raimi,1993). Berckemeyer  even  marshals the Bamberger  Reiter  and  an injured  Lenin  as horsemen. The macabre horseman is joined by a macabre sailing ship, which could once have stood – inside or without a bottle, in wood or bronze – on the mantelpiece. Its dripping sails make it seem like its from The “Flying Dutchman” or “Pirates of the Caribbean”. The idea of darkness, mystery, morbidity only becomes visible because it appears in the world of light, not only the light of the glaring sun, as it suddenly appears from behind the clouds, but into the remorseless permanent light of the art gallery. And because neon light is rigorous in illuminating the secrets of life and art, the artist introduces another subject from the realms of deepest darkness: the submarine. Of course there are American B movies with this theme too: „Submerged” (2001) and “Below” (2002). The ships are held on the plinths by two supports, as if they have just been pulled up from the mysterious depths of the ocean, dripping in sludge, and one instinctively knows: these ships are from the Second World War and they have been lying in the `icy depths’ until now.

Olivia Berckemeyer sets the genre of the statuette on a new plinth by applying the concept of sacred time (the Second World War is omnipresent in its reception). Far from the persistent pressure of the ready-made, processes of romantic memories of youth are unearthed from of the subconscious into the world of contemporary art, where its melting memory seems to congeal in the cold light. On the emotional side of things, a dark threat appears in answer to the rationally palpable belittlement. It is impossible to eliminate this dark side of the glittery world of pop nostalgia, the shock of fantasy and myth. Because this is where it becomes most apparent.

Another example shows that it is not about ready-mades or animation, but that the causes lie on a deeper level. They lie in the ambiguity between the machine and the living being, between artificiality and spontaneity of mimetic skills. A squadron of jet fighters, diving in formation like a swarm of birds is titled “Zehn Vögel von oben” (ten birds from above). Schwärme – Kollektive ohne Zentrum (swarms – collective without a centre) is the title of the new book by Eva Horn and Lucas Marco Gisi.

Olivia Berckemeyer’s sculptures seem to be controlled by an external force, driven by unfathomable mysterious  powers. The  most prominent  work of this kind is  “Ludwig” , thelonely and melancholy Bavarian king riding in his grand horse-drawn carriage. It could also be Nietzsche, Orson Welles or Iwan Rebroff. The sculpture is based on the well-known painting from1885 by R. Wenig, where Ludwig II is shown in an ostentatious carriage and four with mounted attendants. It is known to have been the first vehicle with electric lights. The legendary sleigh rides between the newly built nearby royal castles of Neuschwanstein and Linderhof took placeat night. Darkness and loneliness are the statuettes psychological characteristics. His face has been modelled to look gaunt and sallow. He is someone like Alighieri Dante passing through the “Inferno” or Woden on his Wild Hunt. Almost apathetic, he lingers in the swilling morass of Hades, in no need for any kind of redemption.